Eine Kostprobe „Fremdsein“

Wie fühlt es sich an, fremd zu sein?

Diese Frage beschäftigt mich immer wieder. Nicht zuletzt, weil ich mich seit etwa einem Jahr als Patin von der inzwischen 9-jährigen Ela bezeichnen darf, deren Eltern vor 12 Jahren aus der Türkei nach Deutschland gezogen sind. „Fremdsein“, das bedeutet für mich: Sprachbarrieren, soziale Unsicherheit, Fettnäpfchen an jeder Ecke, sprachliche und kulturelle Missverständnisse und eine erschwerte Annäherung an eine andere Kultur durch unbekannte Normen und Sitten. In meinem Alltag erlebe ich nur selten Momente, in denen ich mich fremd fühle. Umso gespannter und aufgeregter war ich, als mich Gülsah, die Mutter von Ela, zu einer türkischen Hochzeit inklusive „kına gecesi“, dem traditionellen Henna-Abend wenige Tage vor der Hochzeit, einlud.

Die Vorbereitung auf das Fest warf viele Fragen auf: Was zieht man an? Ist es okay, Schulter zu zeigen? Schenkt man etwas? Darf man Pralinen mit Alkohol schenken? Muss ich noch lernen, wie man Halay tanzt? Und wer ist eigentlich die Braut? Auch Ela schien sich über letzteres nicht ganz sicher zu sein. Mit „Großcousine“ oder „Cousine 2. Grades“ schienen wir der Sache näher zu kommen. Mit der Hilfe von Elas Mutter, Google und meiner Schwester, die ein Jahr in Istanbul verbracht hatte, erlangte ich ein spärliches Grundwissen über die Veranstaltungen, doch die meisten Fragen blieben vorerst ungeklärt.

Und so machte ich mich am Donnerstagabend mit zwei Freundinnen im Schlepptau auf zum Henna-Abend, mit einem großen Blumenstrauß und einer Packung Pralinen unterm Arm. Die Unsicherheit, was uns wohl erwarten würde, wurde uns mit einem Schlag genommen, als Ela bereits im Eingangsbereich mit wehendem Kleid auf uns zugelaufen kam und mich an der Hand in den großen, festlich geschmückten Saal führte.

Das erste, was mir als ungewöhnlich auffiel, war unübersehbar: Es war erst 18.00 Uhr und mehr als die Hälfte der Gesellschaft hatte sich bereits auf der Tanzfläche versammelt, während eine 3-köpfige Liveband, bestehend aus einem Trommler, einem Bläser und einem Sänger, türkische Lieder spielte. Die Tänzer und Tänzerinnen bildeten einen großen Kreis, verschlangen links und rechts ihre kleinen Finger miteinander, wedelten mit weißen und roten Tüchern und bewegten sich fast tranceartig in einem einfachen Gleichschritt. Unser Versuch, sich unauffällig an einen Tisch zu setzen und zunächst aus sicherer Entfernung zu beobachten, scheiterte kläglich, da wir sofort zum Mittanzen aufgefordert wurden. Den Grundschritt hatte man schnell drauf, doch ein abrupt angezogenes Tempo und eine plötzlich veränderte Schrittfolge brachten mich dann doch wieder aus dem Rhythmus. Bis in die Nacht wurden verschiedene Variationen des Halays mit einer beeindruckenden Ausdauer getanzt und nur zum Essen wurde die ohrenbetäubend laute Musik für kurze Zeit gedrosselt.

Ela und ich auf dem Henna-Abend (links)

Auch von den besagten Fettnäpfchen blieben wir nicht verschont: Geschenkt hat an dem Abend niemand etwas, weswegen wir den Blumenstrauß und die Pralinen möglichst unauffällig wieder in der Tasche verschwinden ließen, um es am Sonntag zur Hochzeit noch einmal zu versuchen. Und als das Brautpaar einzog, wurden uns Rosen in die Hand gedrückt, welche wir so eifrig hochhielten und im Takt wogen, dass wir nicht mitbekamen, dass alle anderen die Blätter abpflückten und über das Brautpaar warfen. Zu unserem Glück lösten unsere Patzer eher Erheiterung als Unverständnis aus.

Und dann waren da noch die unbekannten Bräuche: Während melancholische Lieder gespielt und die Hände der Braut mit Henna verziert wurden, wurde diese symbolisch von ihrer Familie und ihren Verwandten verabschiedet. Um das Brautpaar herum bildete sich eine aufmüpfige Traube aus überwiegend männlichen Hochzeitsgästen, welche den Bräutigam mit der flachen Hand auf den Kopf schlugen, während die zukünftige Schwiegermutter die Braut zu schützen versuchte. Die Bedeutung und wie viele der Emotionen und Dramatik Ernst und wie viel Schauspiel waren, habe ich bis heute nicht herausfinden können.

Mein Patenkind Ela hat mich an dem Abend besonders verzaubert. In ihrem festlichen Tüllkleid und mit hochgesteckten Haaren wirbelte sie selbstbewusst auf der Tanzfläche herum, motivierte sogar die Tanzfaulen sich aufzuraffen, tanzte selbst wie eine Große in den Reihen der Erwachsenen und trug grundlegend dazu bei, dass ich mich pudelwohl fühlte. Genauso wie Elas Mutter, Vater, Tante und Oma, die sich pausenlos erkundigten, ob wir alles haben, was wir brauchen.

Meine Kostprobe des „Fremdsein“ war an diesem Abend natürlich genau wie Ela in rosa Tüll gewickelt: Denn nur wenige Menschen, die sich fremd fühlen, haben das Glück auf aufgeschlossene, hilfsbereite und engagierte Menschen zu treffen, die das Gefühl der Fremdheit in Neugierde umwandeln. Sich selbst einmal in eine fremde Umgebung hineinzuwagen, ist eine spannende und wertvolle Erfahrung, die ich jedem ans Herz legen würde. Denn jeder, der selbst einmal fremd war, versteht, wie viel Mut das braucht – und kann es „Fremden“ umgekehrt leichter machen. Und mir ist wohl bewusst, dass es ein großes Privileg ist, dass ich mich bewusst in diese Situation „hineinbefördert habe“ und dass sich für gewöhnlich nur die wenigsten Personen freiwillig in die Fremde begeben. Doch diese Tatsache macht es bloß noch wichtiger, empathisch zu sein.

Die Frage nach dem Alkohol in den Pralinen hatte sich übrigens spätestens dann erübrigt, als uns genau wie allen anderen Gästen wortlos eine ganze Flasche Whiskey auf den Tisch gestellt wurde. Weitere weniger elementare Erkenntnisse des Abends: Kurzfristige drei Gäste mehr oder weniger auf der Hochzeit müssen keine Prä-Ehekrise auslösen, stundenlang im Kreis tanzen macht erstaunlich viel Spaß und auch nach einer Hochzeit können abends im Bett die Ohren dröhnen wie nach einer Technoparty.