Auf einen Kaffee mit Ahmad und Arne

Voller Vorfreude überquerte ich die Straße, die unser Kotti Paten Büro vom Café Südblock trennt, in dem ich mich mit dem 18-jährigen Ahmad und seinem Paten Arne verabredet hatte. Denn schon vor dem Treffen wusste ich: Die beiden, das passt. Arne und Ahmad sind seit Mai 2016 ein Tandem und treffen sich jeden Dienstag Nachmittag. Zusammengebracht wurden sie durch das neuste Projekt von Kotti Paten „Mentoren für Neuberliner Jungs“, in dem unbegleitete minderjährige Geflüchtete durch einen ehrenamtlichen Mentoren unterstützt werden. Bei Arne und Ahmad stimmte die Chemie auf Anhieb.

Arne und Ahmad (v.l.)

Von Ahmad möchte ich als erstes wissen, was er gerne in seiner Freizeit macht.

Ahmad: Sehr viel! Ich bin sehr aktiv – gehe gerne schwimmen oder ins Fitnessstudio, Klettern in der Halle und Joggen, am liebsten durch den Görlitzer Park, das ist schön in der Nähe. Aber ich muss auch viel für die Schule machen. Ich gehe in die 10. Klasse und mache nächstes Jahr meinen MSA. [Mittlerer Schulabschluss; Anm. d. Red.] Arne hilft mir viel dabei für die Prüfungen zu lernen.

Wie gestaltet ihr in der Regel eure Treffen?

Ahmad: Arne lernt oft mit mir Englisch oder hilft mir beim Bewerbungen und Lebenslauf schreiben. Ich suche zum Beispiel gerade einen Minijob, ich würde gerne etwas Geld sparen für eine Reise, aber ich müsste sehr viel von meinem Lohn an das Jugendamt abgeben.

Arne: Wir machen aber nicht nur schulische Dinge. Wir haben auch schon zusammen Pfannkuchen gebacken, waren schwimmen und auch schon zusammen klettern.

Ahmad: Aber als wir klettern waren, habe ich gefastet und hatte sehr wenig Kraft in den Armen [lacht]. Trotzdem hatten wir Spaß! Wir waren auch zusammen bei einem Pferderennen. Mein Onkel hatte früher Pferde. Ich bin viel geritten und habe mich um die Tiere gekümmert. Wir haben sogar auf die Rennpferde gewettet! Wir haben ein bisschen Geld gewonnen und ein bisschen verloren. Am Ende hatten wir 0,20€ Gewinn.

Arne: Wir stehen auch im regelmäßigen Kontakt, wenn einer von uns mal nicht in Berlin ist. Dann schreiben wir vor allem über Whats App und schicken uns Sprachnachrichten.

Was waren denn eure persönlichen Highlights der bisherigen Unternehmungen?

Arne: Mir hat besonders das gemeinsame Schwimmengehen gefallen. Es war ein gutes Gefühl, Ahmad Tipps geben zu können und die gelungene Umsetzung zu beobachten! Das waren kleine Erfolgserlebnisse für uns beide und hat uns noch mehr zusammengeschweißt.

Ahmad: Ja, das war toll! Arne hat mir auch beim Erstellen einer Power Point Präsentation geholfen. Ich habe davor noch nie damit gearbeitet und wusste nicht, wie es funktioniert. Es war für den Chemieunterricht über das Thema „Benzin“.

Arne [lacht]: Da habe ich auch noch dazu gelernt! [zu Ahmad] Die Präsentation ist auch gut gelaufen, oder?

Ahmad: Ja, ich habe eine 2 dafür bekommen und war sehr stolz!

Arne, wie bist du denn überhaupt auf Kotti Paten aufmerksam geworden und was hat dich dazu bewogen, dich zu engagieren?

Arne: Ich war schon länger auf der Suche nach einem ehrenamtlichen Engagement, besonders gerne im Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen. Es ist mir wichtig, einen Beitrag zu leisten, indem man eigene Lebenserfahrung und erlernte Fähigkeiten weiterträgt. Bei einem anderen Projekt stand ich zunächst 1 Jahr lang auf der Warteliste, ohne dass etwas passierte. Über eine Freundin erfuhr ich dann von Kotti Paten und dann ging alles ganz schnell. Und weil ich sowieso auch hier Kiez wohne, hat das wunderbar gepasst!

Ahmad, inwiefern konnte dir denn Arnes Lebenserfahrung schon helfen? 

Ahmad: Arne ist ein totaler Beziehungsmensch! Das mag ich an ihm. Er zeigt mir wie wichtig Zuverlässigkeit oder Vertrauen sind. Wir sprechen viel miteinander. So kann ich auch mein Deutsch verbessern, ganz nebenbei, ohne dass ich mich anstrengen muss! Genau wie beim Schwimmen oder mit der Präsentationen – Arne hat immer gute Tipps für mich. Wir haben auch mal ein Jobinterview für eine Ausbildungsstelle nachgespielt und Arnes Feedback hat mir sehr geholfen.

Und was konntest du schon von Ahmad lernen, Arne?

Arne: Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so respektvoll und höflich ist wie Ahmad. Mich selber würde ich auch als freundlich beschreiben, aber Ahmad bringt es auf ein ganz neues Level. Ich denke, dass ich Ahmad praktische Hilfestellungen geben und durch Gespräche sein Deutsch fördern kann, aber in Bezug auf Umgangsformen kann ich noch von Ahmad lernen. Wir wurden am Alex mal grundlos und etwas unwirsch von einer älteren Dame angepöbelt und ich habe mich anschließend laut darüber gewundert und spekuliert, ob sie wohl einen schlechten Tag gehabt habe. Ahmad hat nur gesagt: „Weißt du was, Arne, ich spreche nur ungerne hinter dem Rücken über andere Menschen – wir wissen nichts über sie.“ Das hat mich sehr beeindruckt und auch nachhaltig noch beschäftigt. Ach, und ich möchte noch lernen, wie man reitet! Da kann mir Ahmad sicherlich auch helfen.

Arne, wie würdest du denn deine Rolle gegenüber Ahmad beschreiben?

Arne: Ich fühle mich wie der große Bruder von Ahmad. Ich helfe ihmbei der Bewältigung von Herausforderungen, bin aber auch Ansprechpartner und Ratgeber in schwierigen Situationen. Durch unsere regelmäßigen Treffen stehen wir im engen Austausch und ich kann ihm meine Sichtweise auf die Dinge aufzeigen. Ahmad hat schon sehr viel erlebt und gegenseitiges Vertrauen entwickelt sich natürlich nicht von Heute auf Morgen, aber wir haben bereits eine sehr gute Basis.

Wo seht ihr Gemeinsamkeiten zwischen euch? Wo Unterschiede?

Ahmad: Wir wollen beide viele Dinge wissen und unterhalten uns sehr gerne. Und wir machen beide gerne Sport. Arne ist 11 Jahre älter, aber das hat keine Bedeutung für uns. Wir sprechen auf Augenhöhe und denken oft sehr gleich.

Arne [zu Ahmad]: Das stimmt, für mich bist du kein Junge, sondern ein Mann.

Wie würdet ihr den jeweils anderen beschreiben?

Ahmad: Arne ist super! Er motiviert mich, Dinge anzugehen und ist dabei sehr optimistisch. Ich mag es, dass er so aktiv ist wie ich. Außerdem ist er sehr ehrlich.

Arne: Es ist sehr interessant zu hören, wie du mich siehst! Für seine 18 Jahre ist Ahmad sehr reif. Er ist respektvoll, wissbegierig und neugierig. Er will sich immer weiterentwickeln und Neues dazulernen. Ich finde es auch beeindruckend, wie furchtlos er ist. Er ist in ein fremdes Land gekommen, steht vor vielen Herausforderungen und packt diese mutig an. Er denkt sogar schon über einen Auslandsaufenthalt nach, obwohl gerade noch dabei ist, sich hier zurechtzufinden!

Ahmad: Das stimmt. Ich will so viele Kulturen wie möglich kennenlernen.

Vielen Dank an Ahmad und Arne für das schöne Interview!