Sonja & Julia

Warum verkauft der Mann in der S-Bahn Zeitung? Was ist diese Uni zu der du immer gehen musst? Warum sind da so viele Menschen vor der Berliner Mauer? Demonstrieren? Was ist das? Eine Kamera ohne Display, wo sind denn dann die Fotos?

Sonja + Julia

Kinder sehen die Welt mit anderen Augen – keine Frage. Aber viel spannender ist doch, dass auch wir dadurch noch einmal zurückgeholt werden. Noch einmal einen Schritt zurückgehen müssen, um die für uns selbstverständlichen Dinge im Leben zu hinterfragen und vielleicht sogar neue Erkenntnisse gewinnen. Eine Patenschaft bedeutet also nicht nur geben, sondern ist auch eine unglaubliche Bereicherung für den eigenen Lebensalltag. Es geht nicht darum zu helfen. Das Wort ist an dieser Stelle sowieso fehl am Platz. Es geht vielmehr darum neue Perspektiven aufzuzeigen, neue Abenteuer zu erleben, neue Gespräche zu führen, neue Wege zu gehen. Solche die im familiären Umkreis aus kulturellen oder finanziellen Gründen vielleicht so nicht möglich sind.

Seit einem guten Jahr verbringe ich nun einige Stunden in der Woche mit meinem Patenkind Julia. Zu Beginn sollte der Fokus auf der schulischen Unterstützung liegen, denn vor allem im Lesen und Schreiben hat Julia Schwierigkeiten. Da sie jedoch eine Sprachförderschule besucht, mehrmals die Woche zu diversen Therapien geht und dadurch kaum die Freizeit genießen kann, die ein 11-jährigens Mädchen braucht, hat sich meine Sicht auf die Dinge schnell geändert. Das vorbelastete Wort „Schule“ wurde aus unserer gemeinsamen Zeit verbannt. Stattdessen wird der Einkaufszettel mit Zutaten fürs Keksebacken, der Songtext des aktuellen Lieblingslied von Ich+Ich als buntes Youtube Video und das Programmheft für den Abenteuerspielplatz gelesen. Und kaum war das Gefühl des „ich muss“ vergessen, ging auch das Lesen viel besser. Meine bisherige Erfahrung als Patin hat mir gezeigt, dass es vor allem um Aufmerksamkeit geht. Es müssen nicht immer die teuersten und größten Ausflugziele sein. Wir waren im Sommer häufig auf Spielplätzen rumklettern, haben im Park gepicknickt, waren im Schwimmbad oder haben auf dem Verkehrsübungsplatz für ihre Fahrradprüfung geübt.

Julia und ich haben heute eine sehr enge Beziehung und sie ist eine unglaublich wichtige Person in meinem Leben geworden. Natürlich hat es ein bisschen gedauert, Vertrauen aufzubauen. Es dauerte auch, bis sie wirklich verstanden hat, dass ich keine Lehrerin bin, keine Therapeutin, kein Elternteil – sondern eine Freundin. Das mag vielleicht kitschig klingen, aber was Wahres ist da schon dran: Sie weiß, dass sie mir alles erzählen kann, ich nicht petze und mit etwas Glück sogar ein paar gute Ratschläge parat habe. Sie kann sich auf mich verlassen, in jeglicher Hinsicht. Das ist glaube ich einer der wichtigsten Punkte in einer Patenschaft.

Schon lange hatte ich den Wunsch eine Patenschaft zu beginnen, aber immer wieder krächzte eine Stimme in meinem Kopf: „Sonja, Mensch, für sowas hast du keine Zeit!“ Aber sind wir mal ehrlich – das ist doch Bullshit. Wer will, der kann und wer kann sollte sich die Möglichkeit einer wundervollen Patenschaft wirklich nicht entgehen lassen!